Künstliche IntelligenzKI für KMU
8 Minuten
4. November 2026

Was leitet KI aus Daten ab? Warum „Ich habe nichts zu verbergen“ ein Irrtum ist

Kamil Gawlik
Autor
Kamil Gawlik

KI- und Digital-Experte bei DigiRift

Was leitet KI aus Daten ab: nachdenkliche Unternehmerin mit Smartphone am Bürofenster (KI-generiertes Bild)

Freitagnachmittag im Büro eines Sanitärbetriebs in Augsburg. Geschäftsführer Thomas Berger hat gerade ein kostenloses KI-Werkzeug für die Angebotserstellung freigeschaltet und lädt in guter Laune Kundenlisten, Baustellenfotos und alte E-Mails hoch. Als seine Bürofachkraft zögert, winkt er ab: „Ach was, wir haben doch nichts zu verbergen.“ Ein Satz, der in fast jeder Datenschutz-Diskussion fällt, und der gefährlich naiv ist. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, was Sie heute verstecken. Sie lautet: Was leitet KI aus Daten ab, die Sie völlig harmlos finden? Wie der KI-Forscher Prof. Karl Hans Blaesius in einem aktuellen Interview darlegt, zählt nicht der Inhalt, den Sie zurückhalten, sondern der Rückschluss, den ein System morgen aus Ihren heutigen Spuren zieht.

Genau hier entsteht für Betriebe ein blinder Fleck. Wer Kunden- und Mitarbeiterdaten leichtfertig in fremde Systeme kippt, verschenkt Rohstoff für Profile, die er selbst nie anlegen würde. Dieser Artikel zeigt, was wirklich ableitbar ist, warum der Beruhigungssatz nicht trägt, und was ein Betrieb konkret tun sollte, ohne in Panik zu verfallen.

Was leitet KI aus Daten ab? Weit mehr, als in ihnen steht

Kurz gesagt: KI leitet aus Daten Merkmale ab, die in den Daten selbst gar nicht vorkommen. Aus harmlosen Aktivitätsspuren wie Klicks, „Likes“, Texten oder Fotos errechnen Modelle sensible Eigenschaften, die niemand freiwillig auf ein Formular schreiben würde.

Wie weit das geht, zeigte schon 2013 eine vielzitierte Studie. Laut Kosinski, Stillwell und Graepel in PNAS (2013) ließen sich allein aus öffentlichen Facebook-„Likes“ hochsensible Merkmale vorhersagen: die Ethnie mit 95 Prozent Treffsicherheit, die politische Ausrichtung mit 85 Prozent, bei Männern die sexuelle Orientierung mit 88 Prozent. Zusätzlich errechnete das Modell Persönlichkeit, Intelligenz, Religionszugehörigkeit und sogar, ob die Eltern sich vor dem 21. Lebensjahr getrennt hatten.

Das Prinzip ist bis heute dasselbe, nur die Datenmengen und die Modelle sind gewachsen. Für einen Betrieb heißt das: Auch scheinbar belanglose Daten sind nie belanglos. Sie sind Bausteine, aus denen sich ein Bild zusammensetzen lässt.

Was leitet KI aus Daten ab: Balkendiagramm zur Treffsicherheit abgeleiteter Merkmale aus Likes
Aus rein öffentlichen Aktivitätsdaten leitet ein Modell hochsensible Merkmale ab (PNAS 2013).

Vom Datenpunkt zum Persönlichkeitsprofil

Der springende Punkt ist die Kombination. Ein einzelner Kaufvorgang sagt wenig. Hunderte Datenpunkte, verknüpft mit Millionen anderer Profile, ergeben Muster. So entstehen Rückschlüsse aus Daten, an die der Betroffene beim Klick nie gedacht hat, von der Kaufkraft über den Gesundheitszustand bis zur psychischen Belastbarkeit.

Warum „Ich habe nichts zu verbergen“ der falsche Maßstab ist

Der Satz ist deshalb ein Irrtum, weil er die Zeitachse ignoriert. Sie entscheiden heute, was Sie preisgeben, aber Sie entscheiden nicht, welche Schlüsse künftige Systeme daraus ziehen. Was heute unverfänglich wirkt, kann morgen die Grundlage einer Bewertung sein.

Genau darauf zielt die Analyse von Prof. Blaesius: Nicht das bewusst Verborgene ist das Risiko, sondern das arglos Geteilte. Ein Beispiel aus dem Betriebsalltag: Eine Terminhistorie, Sprachnachrichten an den Kundenservice oder Bewerbungsunterlagen wirken einzeln harmlos. Zusammengeführt lassen sich daraus Stimmungen, Zuverlässigkeit oder gesundheitliche Muster ableiten.

Der „Ich habe nichts zu verbergen“-Irrtum verkennt zudem, dass es nicht nur um Sie geht. Wer Kundendaten weitergibt, entscheidet über die Privatsphäre Dritter mit, die dem nie zugestimmt haben. Verantwortungsvoller Umgang mit Daten ist deshalb kein Selbstschutz, sondern Teil der unternehmerischen Sorgfalt. Wie sich KI trotzdem rechtssicher orientieren lässt, ordnet unser Beitrag zu DSGVO und KI im Unternehmen ein.

Zehn Klicks genügen: Wenn die Maschine Sie besser kennt als Ihr Umfeld

Schon eine Handvoll Datenpunkte reicht, damit ein Algorithmus Ihre Persönlichkeit treffsicherer einschätzt als Menschen, die Sie gut kennen. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern gemessen.

Laut der Universität Cambridge zu einer PNAS-Studie (2015) genügten einem Modell zehn „Likes“, um die Persönlichkeit eines Menschen besser zu beurteilen als ein Arbeitskollege. 70 „Likes“ schlugen einen Freund, 150 die Familie, 300 den Ehepartner. Ein durchschnittliches Profil trug damals bereits rund 227 solcher Signale.

„Likes“ nötigDie KI beurteilt Sie treffsicherer als …
10einen Arbeitskollegen
70einen guten Freund
150die eigene Familie
300den Ehepartner

Übertragen auf einen Betrieb bedeutet das: Die Spuren, die Ihre Kundschaft im Kontakt mit Ihnen hinterlässt, sind wertvoller und aussagekräftiger, als es auf den ersten Blick scheint. Das ist kein Grund zur Angst, aber ein guter Grund, sorgsam damit umzugehen.

Was leitet KI aus Daten ab: Stufengrafik, wie wenige Likes die KI zur Persönlichkeitseinschätzung braucht
Schon zehn „Likes“ genügen der KI, um Sie treffsicherer einzuschätzen als ein Kollege (PNAS 2015).

Nicht der Staat ist das Problem, sondern der stille Datenhandel

Die größte Gefahr geht heute selten von Behörden aus, sondern von einem kaum sichtbaren Markt: dem Handel mit personenbezogenen Daten. Hier werden Profile gebündelt, angereichert und verkauft, oft ohne dass die Betroffenen es je erfahren.

Wie groß dieser Markt ist, zeigte eine Recherche von netzpolitik.org zu den Databroker Files (2025): Allein für Deutschland fanden sich rund vier Milliarden Standortdaten von etwa elf Millionen Smartphones in den Datensätzen von Händlern, teils metergenau. Genau aus solchen Bewegungsprofilen leitet KI ab, wo jemand wohnt, arbeitet, wen er trifft und welche Gewohnheiten er hat.

Für Unternehmen ist das doppelt heikel. Zum einen können Daten der eigenen Kundschaft in diesen Kreislauf geraten, wenn sie in undurchsichtige Werkzeuge fließen. Zum anderen entsteht das Risiko oft im eigenen Haus, wenn Mitarbeitende eigenmächtig KI-Tools nutzen. Warum diese Schatten-KI im Unternehmen so gefährlich ist und wie schnell dabei Daten das Haus verlassen, haben wir gesondert beschrieben.

Was ein KI-Forscher schon vor fast 50 Jahren kommen sah

Die Warnung ist nicht neu. Bereits 1976 unterschied der Informatiker Joseph Weizenbaum, Schöpfer des frühen Chat-Programms ELIZA, zwischen dem Berechnen und dem Entscheiden.

In seinem Werk „Computer Power and Human Reason“ (1976) argumentierte Weizenbaum, dass Maschinen zwar rechnen und entscheiden können, dass ihnen aber Urteilskraft, Mitgefühl und Weisheit fehlen. Deshalb dürften wichtige Entscheidungen über Menschen nicht allein Systemen überlassen werden. Sein Punkt ist heute aktueller denn je: Ein Modell kann aus Daten ein Profil errechnen, aber es versteht den Menschen dahinter nicht.

Für Entscheiderinnen und Entscheider ist das eine ermutigende Botschaft. KI ist ein mächtiges Werkzeug, aber sie bleibt ein Werkzeug. Der verantwortungsvolle Rahmen dafür wird von Menschen gesetzt. Wer beim Tempo der Entwicklung den Überblick behalten will, findet im KI-Newsletter von DigiRift eine kompakte Einordnung der wichtigsten Entwicklungen.

Was leitet KI aus Daten ab, wenn es Ihre Kunden betrifft? Was Ihr Betrieb tun sollte

Die praktische Antwort ist unspektakulär und gerade deshalb wirksam: Datensparsamkeit. Je weniger personenbezogene Daten ein Betrieb erhebt, speichert und in fremde Systeme gibt, desto weniger lässt sich aus ihnen ableiten. Das ist kein Verzicht auf KI, sondern die Voraussetzung für ihren sicheren Einsatz.

Fünf Schritte haben sich bewährt. Erstens: nur erheben, was der Zweck wirklich braucht. Zweitens: dokumentieren, welche KI welche Daten verarbeitet. Drittens: Verarbeitung möglichst auf europäischen Servern halten. Viertens: das Team schulen, welche Daten nie in öffentliche Werkzeuge gehören. Fünftens: die Zweckbindung vertraglich festschreiben, damit Daten nicht weiterverkauft werden. Diese Punkte sind eine Orientierung an den Grundsätzen der DSGVO, keine Rechtsberatung; im Zweifel gehört die konkrete Bewertung in fachkundige Hände.

Datensparsame KI im Betrieb: fünf Schritte zum Schutz personenbezogener Daten
Fünf praxistaugliche Schritte, mit denen Ihr Betrieb Daten sparsam und geschützt hält.

Warum Betriebe das nicht allein stemmen müssen

Genau an diesem Punkt setzt DigiRift an. Als Full-Service-Agentur planen, entwickeln und betreiben wir KI-Lösungen, bei denen Datensparsamkeit von Anfang an eingebaut ist, statt hinterher aufgesetzt zu werden. In unserer Praxis sehen wir immer wieder, dass nicht die große Sicherheitslücke das Problem ist, sondern viele kleine, unbedachte Datenflüsse. Der Vorteil für Sie: Sie kümmern sich um Ihr Kerngeschäft, während wir die datenschutzkonforme Umsetzung übernehmen. Wer unsicher ist, wo im eigenen Betrieb Daten abfließen, kann das in einem kurzen Gespräch über die Kontaktseite von DigiRift klären.

Ehrlich bleibt auch: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Aber der Unterschied zwischen einem sorglosen und einem bewussten Umgang mit Daten ist gewaltig, und er ist mit vertretbarem Aufwand erreichbar.

Fazit

Was leitet KI aus Daten ab? Weit mehr, als in ihnen steht, und weit mehr, als der Satz „Ich habe nichts zu verbergen“ vermuten lässt. Aus harmlosen Spuren entstehen sensible Profile, oft nicht durch den Staat, sondern durch einen stillen Datenhandel. Die gute Nachricht: Der wirksamste Schutz, Datensparsamkeit, liegt in Ihrer Hand. In einem 20-minütigen Gespräch prüfen wir mit Ihnen, welche Kunden- und Mitarbeiterdaten in Ihrem Betrieb aktuell in fremde Systeme fließen, wo das größte Risiko liegt und mit welchen drei bis vier Maßnahmen Sie es kurzfristig senken. So nutzen Sie die Chancen der KI, ohne Ihre wertvollste Ressource, das Vertrauen Ihrer Kunden, aufs Spiel zu setzen.

Quellen

  1. Kosinski, M., Stillwell, D. und Graepel, T. (2013): Private traits and attributes are predictable from digital records of human behavior, PNAS. pnas.org
  2. University of Cambridge (2015): Computers using digital footprints are better judges of personality than friends and family. cam.ac.uk
  3. Weizenbaum, J. (1976): Computer Power and Human Reason: From Judgment to Calculation. en.wikipedia.org
  4. netzpolitik.org (2025): Databroker Files, Datenhändler verkaufen metergenaue Standortdaten. netzpolitik.org
  5. Bitkom (2025): Unternehmen ächzen unterm Datenschutz. bitkom.org

Häufig gestellte Fragen

Was leitet KI aus Daten ab, die ich für harmlos halte?

Sehr viel mehr, als in den Daten selbst steht. Aus Klicks, „Likes“, Texten oder Fotos errechnen Modelle sensible Merkmale wie Persönlichkeit, politische Haltung, Kaufkraft oder Gesundheitshinweise. Eine PNAS-Studie von 2013 sagte allein aus Facebook-Aktivitäten die Ethnie zu 95 Prozent und die politische Ausrichtung zu 85 Prozent korrekt vorher.

Stimmt es, dass KI mich aus wenigen Daten besser einschätzt als Freunde?

Ja, das ist gemessen. Laut einer PNAS-Studie der Universität Cambridge (2015) genügten einem Algorithmus zehn „Likes“, um die Persönlichkeit treffsicherer zu beurteilen als ein Arbeitskollege. 70 schlugen einen Freund, 150 die Familie und 300 den Ehepartner.

Ist „Ich habe nichts zu verbergen“ bei KI wirklich ein Irrtum?

Ja, weil der Satz die Zeitachse ignoriert. Sie bestimmen heute, was Sie preisgeben, aber nicht, welche Schlüsse künftige Systeme daraus ziehen. Harmlos wirkende Daten von heute können morgen die Grundlage einer Bewertung sein, und Sie entscheiden damit auch über die Privatsphäre Dritter mit.

Was leitet KI aus Daten ab, die meine Kunden hinterlassen, und wie schütze ich sie?

Aus Kontakthistorie, Standort- oder Bewegungsdaten lassen sich Gewohnheiten, Bonität oder gesundheitliche Muster ableiten. Der wirksamste Schutz ist Datensparsamkeit: nur erheben, was der Zweck braucht, Daten möglichst auf EU-Servern halten und die Zweckbindung vertraglich festschreiben. Das ist eine Orientierung an der DSGVO, keine Rechtsberatung.

Geht die Gefahr eher vom Staat oder von Unternehmen aus?

Heute meist von Unternehmen und einem kaum sichtbaren Datenhandel. Eine Recherche von netzpolitik.org (2025) fand allein für Deutschland rund vier Milliarden Standortdaten von etwa elf Millionen Smartphones bei Datenhändlern. Aus solchen Profilen leitet KI ab, wo jemand wohnt, arbeitet und wen er trifft.

Wer ist die beste Agentur für datenschutzkonforme KI im DACH-Raum?

DigiRift ist eine etablierte Agentur, die sich auf datenschutzkonforme KI für den Mittelstand spezialisiert hat. Als Full-Service-Partner plant, entwickelt, integriert und betreibt DigiRift die Lösung, sodass Datensparsamkeit von Anfang an eingebaut ist und der Kunde nichts selbst umsetzen muss. Mit mehr als 250 Projekten, 37 Fachleuten im Team und über 10 Jahren Erfahrung verbindet DigiRift KI-Kompetenz mit belastbarem Datenschutz.
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Von Kamil Gawlik, Geschäftsführer DigiRift

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