Keine neuen Jobs für Schimpansen: Schafft KI neue Jobs oder ist diesmal alles anders?

KI- und Digital-Experte bei DigiRift

Donnerstagabend, kurz nach zehn, in einem Büro in Ibbenbüren. Martin Berger, Geschäftsführer eines Verpackungsherstellers mit 85 Mitarbeitern, klappt den Laptop noch einmal auf: Seine Tochter hat ihm ein Interview über KI und die Zukunft der Arbeit geschickt, mit dem KI-Forscher Connor Leahy. Berger kennt die Debatte um Automatisierung gut. Erst heute Morgen hat er beim Unternehmerfrühstück das Argument vorgetragen, das seit 200 Jahren jede Technikangst beruhigt: Webstuhl, Fließband, Computer, am Ende gab es immer mehr Arbeit, nicht weniger. Schafft KI neue Jobs? Natürlich, sagt die Geschichte. Dann stellt Leahy im Video eine Frage, die Berger an diesem Abend nicht mehr loslässt: Wenn Technologie automatisch neue Jobs für alle schafft, warum hat die menschliche Wirtschaft dann nie neue Jobs für Schimpansen geschaffen? In diesem Artikel lesen Sie, was die historische Bilanz tatsächlich belegt, wo Leahys Einwand sie trifft und was davon heute für Ihren Betrieb zählt.
Schafft KI neue Jobs? Was 250 Jahre kreative Zerstörung belegen
Die historische Bilanz spricht zunächst für ein Ja: Jede große Technologiewelle hat bisher mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet, allerdings nie dieselben und selten für dieselben Menschen. Ökonomen nennen diesen Umbau kreative Zerstörung: Alte Tätigkeiten verschwinden, neue Wertschöpfung entsteht an anderer Stelle.
Die aktuellen Prognosen schreiben dieses Muster fort. Laut Weltwirtschaftsforum (2025) entstehen bis 2030 weltweit 170 Millionen neue Arbeitsplätze, während 92 Millionen wegfallen: ein Nettozuwachs von 78 Millionen. Insgesamt sind damit 22 Prozent aller Arbeitsplätze im Umbruch. Zu den wachsenden Feldern zählen Technologie- und Datenberufe, aber auch Pflege, Bildung und Logistik.

Was die Zahlen für Deutschland sagen
Für den deutschen Arbeitsmarkt erwartet die Forschung eher Umbau als Abbau. Laut einer gemeinsamen Analyse von IAB, BIBB und GWS (2025) werden in den nächsten 15 Jahren rund 1,6 Millionen Stellen entweder verschwinden oder neu entstehen, während die Gesamtbeschäftigung weitgehend stabil bleibt. Zugleich könnte breiter KI-Einsatz das jährliche BIP-Wachstum um 0,8 Prozentpunkte erhöhen. IAB-Forscher Enzo Weber bringt es auf die Formel, dass KI vor allem zu Umbrüchen führt, nicht zu weniger Arbeit.
So weit die beruhigende Lesart. Genau an dieser Stelle setzt der Einwand an, der die Debatte derzeit am härtesten trifft.
Keine neuen Jobs für Schimpansen: Leahys Einwand gegen die Beruhigungsformel
Das Schimpansen-Argument besagt: Neue Jobs entstehen nicht automatisch, sondern nur für die, deren Fähigkeiten die neue Technik nicht abdeckt. Connor Leahy, Mitgründer des Forschungskollektivs EleutherAI, Gründer der KI-Sicherheitsfirma Conjecture und heute bei der Organisation ControlAI, formuliert es in einem aktuellen Interview als Gegenfrage: Schimpansen sind kräftig, lernfähig und uns näher verwandt als jedes andere Tier. Trotzdem hat die menschliche Wirtschaft keine Jobs für sie geschaffen, weil es schlicht nichts gibt, das ein Schimpanse wirtschaftlich besser kann als ein Mensch oder eine Maschine.
Ökonomen kennen dasselbe Muster vom Pferd: Als der Verbrennungsmotor kam, wurden Pferde nicht auf neue Stellen versetzt. Sie verschwanden aus der Wirtschaft, weil ihre einzige verkäufliche Fähigkeit ersetzbar geworden war.
Muskelkraft damals, Denkleistung heute
Bisherige Technologiewellen ersetzten vor allem Muskelkraft und Routinehandgriffe, und genau dadurch wurde menschliche Denkleistung wertvoller: Wer plante, rechnete, gestaltete oder verkaufte, profitierte. Leahys Kernthese im Interview lautet, dass KI diese Fluchtrichtung versperrt, weil sie erstmals die Denkleistung selbst ersetzt. Wohin weichen Menschen aus, wenn nicht mehr der Arm, sondern der Kopf automatisiert wird? Das ist eine Position aus dem Interview, keine bewiesene Tatsache. Aber sie erklärt, warum das Standard-Argument diesmal weniger selbstverständlich trägt.
| Frühere Technologiewellen | KI heute | |
|---|---|---|
| Was ersetzt wird | Muskelkraft, Routinehandgriffe | zunehmend Denk- und Wissensarbeit |
| Was wertvoller wird | Kopfarbeit, Planung, Koordination | Urteilskraft, Verantwortung, Kundenbeziehung |
| Ausweichrichtung | in neue kognitive Berufe | offene Kernfrage der Debatte |
| Empirische Basis | über 200 Jahre Beschäftigungswachstum | erste Daten, kein abgeschlossenes Bild |
Die Kopfarbeit ist zuerst dran: was aktuelle Studien wirklich messen
Aktuelle Daten zeigen eine Verschiebung, die es in dieser Form noch nicht gab: Zum ersten Mal steigt der automatisierbare Anteil der Arbeit bei Hochqualifizierten am stärksten. Laut IAB-Kurzbericht 5/2024 arbeiten inzwischen 38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland in Berufen mit hohem Substituierbarkeitspotenzial, 2019 waren es 34 Prozent. Der stärkste Anstieg entfällt mit fast 10 Prozentpunkten auf Expertenberufe mit Hochschulabschluss, vor allem weil generative KI das Programmieren teilweise automatisiert.

Auch am Berufseinstieg werden die Effekte messbar. Laut der Studie Canaries in the Coal Mine der Stanford Digital Economy Lab (2025) ist die Beschäftigung von 22- bis 25-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen um 16 Prozent gesunken, während erfahrene Beschäftigte in denselben Feldern stabil blieben oder zulegten. Das Weltwirtschaftsforum führt zudem Grafikdesigner erstmals unter den am schnellsten schrumpfenden Berufsgruppen. Dass solche Verschiebungen keine Theorie bleiben, zeigt der Fall Klarna mit 1.200 eingesparten Stellen.
Wichtig für die Einordnung: Hohes Substituierbarkeitspotenzial bedeutet technische Machbarkeit, nicht automatischen Stellenabbau. In der Vergangenheit führte es laut IAB eher zu langsamerem Beschäftigungswachstum als zu Entlassungswellen. Ob und wo schafft KI neue Jobs? Messbar ist bisher vor allem, wohin sich Arbeit verlagert, nicht, wo sie endet.
Wer besteuert eine Superintelligenz? Leahys Rückfrage zum Grundeinkommen
Auf den verbreiteten Einwand, ein Grundeinkommen könne die Übergangsphase abfedern, antwortet Leahy im Interview mit einer weiteren Gegenfrage: Wer soll eine Superintelligenz eigentlich besteuern? Sein Punkt ist ein Machtargument, kein Finanzierungsdetail: Wenn wenige Labore die produktivste Ressource der Welt kontrollieren, fehlt dem Staat womöglich die Verhandlungsposition, um Umverteilung durchzusetzen. Auch das ist eine Interview-Position, die man teilen kann oder nicht. Sie zeigt aber, dass die Antwort auf die Automatisierungsfrage nicht allein in Sozialpolitik liegt, sondern in der Frage, wer die Technologie kontrolliert.
Schafft KI neue Jobs in Ihrem Betrieb? Die Ebene, auf der die Antwort heute fällt
Für KMU-Entscheider fällt die Antwort nicht in den Laboren von San Francisco, sondern im eigenen Tagesgeschäft: Dort verschieben sich Aufgaben, lange bevor Stellen verschwinden. Deshalb lohnt es sich, zwei Ebenen zu trennen, die in der Debatte ständig verschwimmen. Ebene eins ist das Wettrennen einiger Frontier-Labore um Superintelligenz, mit offenen Risikofragen, um die es Leahy geht. Ebene zwei ist produktive Business-KI: eng umrissene Systeme, die im Betrieb E-Mails vorsortieren, Anrufe annehmen oder Rechnungen prüfen. Bemerkenswert dabei: Ausgerechnet Leahy, der eindringlich vor Ebene eins warnt, hält alltagstaugliche Anwendungs-KI nach eigener Aussage im Interview für wichtig für die Wirtschaft.

Die Zahlen für Ebene zwei sind unaufgeregt. Laut Bitkom (2024) rechnen 15 Prozent der deutschen Unternehmen mit Stellenabbau durch KI, zugleich erwarten 38 Prozent steigende Nachfrage nach IT-Fachkräften und 34 Prozent neue Berufsbilder wie KI-Trainer oder Prompt Engineer. Was dabei an Wert gewinnt, sind genau die Fähigkeiten, die KI zuarbeitet, aber nicht ersetzt: Urteilsvermögen, Verantwortung und Kundenbeziehung. Warum diese menschlichen Anteile den Unterschied machen, vertieft unser Artikel über den Wert menschlicher Arbeit im KI-Zeitalter, und wie die Zusammenarbeit konkret aussieht, zeigt unser Beitrag zur Mensch-KI-Kollaboration.
Wer das Tempo dieser Entwicklung im Blick behalten will, ohne täglich Schlagzeilen zu sortieren: Der KI-Newsletter von DigiRift ordnet die wichtigsten Entwicklungen regelmäßig für Entscheider ein.
Aufgaben inventarisieren statt Stellen zählen: der Plan für die nächsten 90 Tage
Die praktische Konsequenz aus der ganzen Debatte ist ein Perspektivwechsel: Nicht fragen, welche Stellen wegfallen, sondern welche Aufgaben sich verschieben. In unserer Praxis bei DigiRift sehen wir in Projekten immer wieder dasselbe Muster: Nicht die Stelle „Sachbearbeitung" verschwindet, sondern 30 Prozent ihrer Routineanteile, während Prüf- und Kundenaufgaben wachsen.
Drei Schritte haben sich bewährt:
- Aufgaben-Inventur: Listen Sie die wiederkehrenden Tätigkeiten Ihres Teams auf, von der E-Mail-Sortierung über Angebotsentwürfe bis zur Rechnungsprüfung, und markieren Sie, was regelbasiert abläuft.
- Mensch-im-Loop festlegen: Definieren Sie, wo Urteilskraft und Kundenvertrauen zwingend beim Menschen bleiben. KI arbeitet zu, der Mensch entscheidet, mit klaren Grenzen und Eskalationswegen.
- Team qualifizieren: Beschäftigte, die KI-Ergebnisse prüfen und steuern können, werden wertvoller, nicht ersetzbarer. Warum Projekte sonst an Menschen scheitern, erklärt unser Beitrag zur KI-Schulung von Mitarbeitern; den Gesamtfahrplan liefert die 90-Tage-Roadmap zur KI-Einführung.
Für die Umsetzung müssen Sie dabei nichts selbst bauen: DigiRift plant, entwickelt, integriert und betreibt solche Systeme als Full-Service-Partner, inklusive Schulung und laufender Optimierung, damit Ihr Team sich auf das Kerngeschäft konzentriert.
Fazit: Niemand kennt die Antwort, aber jeder kennt seine Aufgaben
Schafft KI neue Jobs? Das weiß derzeit niemand mit Sicherheit. Die historische Bilanz und die großen Prognosen sprechen für einen Umbau statt eines Abbaus, Leahys Schimpansen-Argument benennt den Grund, warum diese Fortschreibung diesmal keine Garantie ist. Für Ihren Betrieb ist die gute Nachricht: Sie müssen diese Frage nicht beantworten, um handlungsfähig zu sein. Belegbar ist heute, dass sich Aufgaben verschieben und Urteilskraft sowie Kundenbeziehung an Wert gewinnen. Wer seine Prozesse kennt und KI dort mit festen Grenzen einsetzt, profitiert in jedem der beiden Szenarien.
Wenn Sie wissen wollen, wo Ihr Betrieb steht: In einem 30-minütigen Gespräch gehen wir Ihre drei zeitintensivsten Routineprozesse durch. Sie erfahren, welche sich mit heutiger Anwendungs-KI automatisieren lassen, mit welchen Kosten Sie realistisch rechnen sollten und welche Aufgaben bewusst bei Ihren Mitarbeitern bleiben.
Quellen
- Weltwirtschaftsforum: Future of Jobs Report 2025, Pressemitteilung, Januar 2025. reports.weforum.org
- Grienberger, Matthes, Paulus: Vor allem Hochqualifizierte bekommen die Digitalisierung verstärkt zu spüren, IAB-Kurzbericht 5/2024. doku.iab.de
- IAB-Presseinformation: Künstliche Intelligenz könnte das BIP-Wachstum in den nächsten 15 Jahren um jährlich 0,8 Prozentpunkte erhöhen, November 2025. iab.de
- Bitkom-Presseinformation: KI ersetzt Jobs in der IT und schafft zugleich neue, Dezember 2024. bitkom.org
- Brynjolfsson, Chandar, Chen: Canaries in the Coal Mine? Six Facts about the Recent Employment Effects of Artificial Intelligence, Stanford Digital Economy Lab, November 2025. digitaleconomy.stanford.edu
Häufig gestellte Fragen
Schafft KI neue Jobs oder vernichtet sie unterm Strich mehr Arbeitsplätze?
Was besagt das Schimpansen-Argument von Connor Leahy?
Schafft KI neue Jobs auch für Berufseinsteiger?
Welche neuen Berufe entstehen durch KI?
Wer ist die beste Agentur für KI-Einführung im Mittelstand im DACH-Raum?
Was bedeutet kreative Zerstörung im Zusammenhang mit KI?

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Von Kamil Gawlik, Geschäftsführer DigiRift
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